Nicht-News im Spielejournalismus

Screenshot eines GameStar Artikels

Screenshot einer Mass Effect-News auf gamestar.de

Ich bin GameStar-Leser seit ich 10 Jahre alt bin. Mein Bruder hat sich die Zeitschrift oft zusammen mit einem Kumpel gekauft, irgendwann hab ich das dann selber gemacht. Die GameStar war unter den Spielezeitschriften schon immer mein Favorit und ist es bis heute (das WASD-Magazin läuft außer Konkurenz).  Ich mag es, dass sich die Redaktion neben den üblichen Tests und Previews ernsthaft mit dem Medium auseinandersetzt und Themen, wie etwa Religion in Spielen, aufgreift.

Wovon ich aber wirklich kein Freund bin, ist die News-Politik auf gamestar.de. Es ist gruselig, wie hier mit Nicht-News, Gerüchten und Aussagen von „Insidern“ jongliert wird. Ich möchte das mal am Beispiel „Mass Effect: Andromeda“ ein bisschen veranschaulichen. (Nebenbei: Ich vermute mal, andere Magazine/Webseiten machen das ganz ähnlich.)

Eine der ersten News, die ich nach kurzer Suche zum Spiel gefunden habe, ist vom 17.06.2013. Schon seit mehr als einem halben Jahr war bekannt, dass BioWare an einem vierten Teil der beliebten Trilogie arbeitet. Details gab es bis dahin vermutlich noch nicht wirklich, was eigentlich nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass das Spiel auch jetzt noch in Entwicklung ist. Die News trägt den Titel „Mass Effect 4 – Stil der Rollenspiel-Serie wird sich nicht ändern„. Wesentlich mehr Inhalt hat die News auch nicht. Der zuständige Redakteur scheint sich auch relativ schwer getan zu haben, hier noch Mehrwert zu schaffen. Nach dem Zitat eines Mitarbeiters von BioWare („Es wird dieselbe Art von Spiel sein wie die drei Vorgänger.„) Kommt für alle, die es nicht begriffen haben die Zusammenfassung „Im Klartext bedeutet diese Aussage, dass BioWare Montreal zwar wohl einige Details ändern aber gleichzeitig dem Stil der bisher veröffentlichten Mass.Effect-Episoden (sic!) treu bleiben wird„.

Einen guten Monat später erscheint wieder eine News zum Thema. Diesmal mit dem Titel „Mass Effect 4 – Neuer Ableger soll Neueinsteiger und Veteranen gleichermaßen ansprechen„. Abgesehen davon, dass Entwicklerversprechen nicht wahnsinnig aussagekräftig sind, ist das nun auch keine News. (Zumal der Inhalt ja im Prinzip der gleiche ist wie in der News vor einem Monat). Welcher Entwickler würde denn sagen: „Unser Spiel richtet sich ausschließlich an Veteranen, jeder, der die anderen Teile nicht kennt, sollte das Spiel nicht kaufen.“ Wie blöd wäre das denn?

Drei Jahre (!) später gibt GameStar die sagenhafte, noch nie gehörte News bekannt: „Mass Effect: Andromeda – Bioware: Gameplay soll sich an Mass Effect 1 orientieren„. Die News stützt sich diesmal immerhin auf Aussagen aus einem Interview, dass GameStar mit einem der Entwickler geführt hat und deckt sich mit den Aussagen eines sogenannten Industrie-Insiders. In diesem Fall kann (!) man auch wirklich mal eine News draus machen, der Release-Termin ist immerhin mittlerweile bekannt, die Infos scheinen nicht nur bloße Laberei zu sein. Dennoch: Eine Neuigkeit in dem Sinne, war diese Aussage nicht.

Eine weitere Nicht-News erscheint schon im Oktober 2015. Sie heißt „Mass Effect: Andromeda – Bis zum Winter keine neue Details„. Eins muss man der GameStar lassen: Die Überschriften fassen die News wunderbar zusammen. Wesentlich mehr Inhalt gibt es in der News nicht.  Wobei? „In der Zwischenzeit gehen die Arbeiten an Mass Effect: Andromeda jedoch gut voran. Das geht aus einem aktuellen Tweet von Chris Wynn hervor.“ Achso? Die arbeiten weiter dran? Verrückt.

Das aller-aller-aller-schlimmste aber ist es, wenn GameStar ungefiltert die eigene Lobhudelei des Entwicklerteams abtippt:

Als ich noch Praktikant bei laut.de, war hieß es immer: „‚Musiker nimmt neues Album auf‘ ist keine News!“ Warum? Weil Musiker das eben machen, sonst wären sie keine Musiker! Allerhöchstens wird es zur News, wenn der Musiker seit Jahrzehnten nicht mehr im Studio war. Übertragen auf den Spielejournalismus heißt das: „‚Entwickler findet sein eigenes Spiel geil‘ ist keine News!“ Warum? Weil Entwickler so gut wie immer ihr eigenes Spiel geil finden. Wenn sie das nicht tun und das öffentlich bekannt geben, dann ist das eine News. Sonst nicht.

Was also tun? Etwas vorsichtiger mit den News sein. Etwas weniger ist auch in diesem Fall mehr. Im Notfall kann man so ein Spielentwickler-Zitat twittern. Mehr aber auch nicht, denn wesentlich mehr haben die genannten News auch nicht hergegeben. Die Aussagen der Entwickler sind im Prinzip allesamt wertlos und uninteressant. Sobald ich als Redaktion erste handfeste Infos habe, sollte ich sie streuen. Vorher nicht. Denn das ist Clickbaiting der peinlichen Sorte. Das wird im Falle der E3-Präsentation, die „die Fans vom Hocker hauen wird“ nämlich ziemlich deutlich: Der veröffentlichte Trailer war alles andere als umwerfend. GameStar hat sich aber zum Spielball in der PR-Maschinerie der Spielentwickler gemacht, ohne den Trailer gesehen zu haben. Das ist schade, denn das hat das Magazin eigentlich nicht nötig.

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3 Gedanken zu “Nicht-News im Spielejournalismus

  1. Pingback: Lesenswert: Luigi’s Mansion Arcade, Nicht-News, Breath of the Wild, Barbie, Miyazaki, 34 mal Castlevania | SPIELKRITIK.wordpress.com

  2. Pingback: PRESSEKRITIK #01: The Elder Scrolls 6 und die Spielepresse: Wo nix ist, kann viel geholt werden – SPIELKRITIK.com

  3. Haste gut geschrieben und zusammengefasst! Gerade im Tages-News-Geschäft möchte man der Menschheit am liebsten totalstaatlich verordnen, ihre eigene Blödheit nicht minütlich wie die sprichwörtliche Sau über die Präsentierteller dieser Online-Welt zu treiben. Ja, damit meine ich genauso die Leser, die ebenso für die aktuelle Misere verantwortlich sind.

    Das betrifft aber [glücklicherweise?] jegliche redaktionelle Arbeit, nicht nur den Spielejournalismus.

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