Ethik und Moral in Computerspielen // Skyrim

Skyrim Screenshot

Skyrim (Bethesda Game Studios, 2011)

Die Spiele der Elder Scrolls-Reihe sind nicht gerade für ihre moralische Relevanz bekannt, eher für ihre rießigen offenen Spielwelten und die große spielerische Freiheit. Skyrim ist da keine Ausnahme. Auch hier liegt mir von Anfang an eine Welt zu Füßen, die ich abseits von jeglicher Quest bereisen und erforschen kann. Ich muss keine einzige Quest absolvieren um (fast) die ganze Welt zu sehen. Diese Freiheit macht das Spiel dann doch wieder ethisch interessant. Zumindest ein bisschen.

Wer in Himmelsrand (so heißt die Spielwelt) unterwegs ist und hier und da mit ein paar NPCs spricht, wird nach spätestens zwei Stunden ein Quest-Tagebuch haben, das vor Aufgaben überquillt. Jeder zweite Bewohner der Region scheint irgendein Problem zu haben, dass nur ich lösen kann. Was die alle machen würden, wenn ich nicht zufällig vorbeistolpern würde, weiß ich nicht. Jedenfalls zwingt mich niemand diese Quests zu absolvieren. Kein Zeitdruck, keine Gier nach Erfahrungspunkten und theoretisch brauch ich auch die Kohle nicht, die ich als Belohnung bekomme, denn Loot gibt es überall. Warum also zum Geier latsche ich in die nächste Höhle und schlage ein paar Wölfen die Schädel ein? Weil ich es hasse, wenn mein Quest-Tagebuch überquillt. Ich will was abarbeiten und To-Do-Listen abhaken. Gut, und wenn nebenbei noch Kohle oder ein magischer Gegenstand bei rausspringt: Warum nicht.

Jetzt gibt es in Skyrim nicht nur Quests der Marke „Hole mir meinen Helm aus der trollverseuchten Burg“. Sondern auch „Bring meine alte Ziehmutter um, die war immer gemein zu mir“ oder „Sabotier doch bitte das Geschäft meines Nachbarn, der macht mir meine Karriere kaputt“. Ich kann diese Aufgaben in den meisten Fällen nicht ablehnen. Wenn ich also jemanden frage „Hej, brauchste Hilfe?“, dann erscheint sogleich die Aufgabe in meinem Logbuch. Ja und dann muss ich die blöde Aufgabe ja wohl auch erfüllen oder? Schließlich müllt sie sonst mein Tagebuch zu. Mist.

Zur Zeit spiele ich Skyrim zum sagenhaft dritten Mal durch. Ganz neu achte ich diesmal darauf, welche Aufgaben mir da eigentlich gegeben werden und ich merke, dass ich bei manchen davon Skrupel habe. Woher das jetzt kommt weiß ich nicht, ich kann mich nicht erinnern, dass das vorher schon so war. Diese blöde Anfangs-Aufgabe der Dunklen Bruderschaft (eine mysteriöse Gruppe von Mördern) liegt seit 40 Stunden schon ungespielt rum. Ich weiß, ich kann später die Dunkle Bruderschaft im Gesamtpaket zur Rechenschaft ziehen, aber dafür muss ich erst für den doofen kleinen Jungen die olle Frau umlegen. Hat die das jetzt wirklich verdient? Oder diese Daedra-Aufgaben. Also Sachen, die ich für obskure Gottheiten erledigen soll. Das ist mir meistens auch nicht so Recht, oft geht es hier auch darum irgendwem ein Messer in den Rücken zu rammen. Muss das sein?

Skyrim hat kein moralisches Punktesystem, sondern nur ein rudimentäres Rechtssystem das meine Handlungen irgendwie einordnet. Die Regeln der Spielwelt sind relativ simpel: Brich nirgendswo ein, klau nichts und übe keine Gewalt aus, sonst kommen die Wachen und stecken dich in den Knast. Das heißt: Das tun sie nur, wenn ich dabei beobachtet werde. Nicht gesehen werden ist ziemlich easy. Und so kann ich in den meisten Fällen unbemerkt ganze Häuser leer räumen und keinen interessierts. Klar, dass ist dann ein Verbrechen, aber eines, dass das Spiel in keiner Weise bestraft.

Man muss sogar eher sagen, dass das Spiel unmoralisches Verhalten fordert. Eine grobe Schätzung von mir: Berücksichtige ich alle Nebenquests (ich nehme mal die Kopfgelder raus), dann muss ich in 33 Prozent der Fälle stehlen, morden, betrügen, verraten oder Gräber schänden. Sogar die ehrenwerten Gefährten verwandeln mich in einen blutrünstigen Werwolf, der Leichen zerfetzen muss, um an Stärke zu gewinnen.

Wie gesagt, nichts davon muss ich tun. Aber ich mach es ja doch und seien wir ehrlich: So moralisch fragwürdige Sachen wie in Skyrim mache ich in den wenigsten Spielen freiwillig – oder ungestraft. Denke ich darüber groß nach? Kaum. Aber warum? Weil Skyrim kaum Zeit und Gelegenheiten für Reflexion schafft. In den wenigsten Momenten werde ich und mein Handeln hinterfragt, in den wenigsten Quests habe ich eine Wahl, die wenigsten Aufgaben haben spürbare Auswirkungen auf mich oder die Spielwelt.

Es gibt wenige interessante Ausnahmen, etwa wenn ich in der Stadt Markarth im Gefängnis lande, weil ich einer Verschwörung zu dicht auf den Fersen war. Im Knast lerne ich einen Rebellenführer kennen, der die Region brutal terrorisiert. Ich lerne auch seine Beweggründe kennen: Das Kaisserreich und das ansässige Volk haben ihn und sein Volk vor einiger Zeit vertrieben. Seitdem wird jeder der den Behörden nicht ganz geheuer ist wegen Terrorverdacht festgenommen oder gleich abgeschlachtet. Ich stecke also mit diesen Typen im Knast und mir bleiben zwei Möglichkeiten: Mit den Rebellen aus dem Gefängnis fliehen und so dafür sorgen, dass der Guerilla-Terror weitergeht. Oder der Rebellion ein für alle mal ein Ende bereiten und damit der vermeintlichen Unrechtsherrschaft des Landes einen Dienst erweisen. Aber auch hier erlebe ich die langfristigen Auswirkungen meines Handelns nicht, bekomme zu wenig Antworten oder Informationen.

Skyrim hat auf der einen Seite viele Ansätze um mich moralisch herauszufordern. Ich finde es interessant an mir zu beobachten, wie ich bereit bin, mich äußerst fragwürdig zu verhalten, nur um eine Quest auch endlich abzuschließen. Hier besteht also ein potentielles Spannungsverhältnis zwischen meinen Ansprüchen ein Spiel „komplett“ zu erleben und meinem unmoralischen Verhalten im Spiel. Auf der anderen Seite sind aber viele Ansätze nicht zuende gedacht. Viele Quests die im ethischen Graubereich spielen, haben keine Auswirkungen, keine Konsequenzen, aber auch zu wenig Futter, um eine denkwürdige Entscheidung zu produzieren. In meiner Masterarbeit schreibe ich, dass es wichtig ist, dass Spieler uninformierte Entscheidungen treffen müssen. An Skyrim merke ich aber auch, dass das kein Automatismus ist. Oft gibt es schlicht zu wenig Stoff, um anständig nachzudenken. Wie ich mich entscheide, oder was ich mache ist – und das ist wohl das blödeste was eine vermeintlich moralisch Entscheidung sein kann – einfach egal. Die wenigsten Spieler wird Skyrim deshalb moralisch herausgefordert haben.

In meiner Masterarbeit habe ich mich mit der Darstellung von Ethik und Moral in Computerspielen beschäftigt. Nicht jedes Computerspiel ist in der Lage, den Spieler zu einer ethischen Reflexion seines Handelns zu bringen. Einige schon. In dieser Reihe beschreibe und untersuche ich Spiele, die versuchen, Ethik und Moral ins Spiel integrieren.

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2 Gedanken zu “Ethik und Moral in Computerspielen // Skyrim

  1. Pingback: Lesenswert: Hellblade, Depressionen, Max Payne, Skyrim, Bioshock, Musik-Loops, Doom & Aliens / Hörenswert: 15 Jahre Spielejournalist – SPIELKRITIK.com

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