Ethik und Moral in Computerspielen // Fallout: New Vegas

Screenshot aus Fallout: New Vegas

Fallout: New Vegas (Obsidian Entertainment, 2010)

Einen Blogbeitrag zu Ethik und Moral in Fallout 3 (F3) habe ich bereits geschrieben. Warum also noch einen zu Fallout: New Vegas (F:NV)? Nun, F:NV ähnelt F3 in der Tat in vielen Punkten, z.B. Grafik, Interface, Charakerentwicklung usw. Aber es macht auch einiges anders. F:NV ist hier etwas radikaler, dort etwas nachlässiger. Aber ganz entscheidend: Die Weltsicht ist eine komplett andere.

In F3 geht es – extrem runtergebrochen – um die persönliche Entwicklung der Spielfigur. Über dieser Entwicklung steht der Vater des Protagonisten, der sich die Rettung des Ödlandes auf die Fahnen geschrieben hat. Der Spieler handelt also meist unter dem großen Thema: „Wer bin ich und wer will ich sein?“ Die meisten Entscheidungen ordnen sich dieser Frage unter. Das Spiel ist um die Spielfigur herum entwickelt, das Geschehen orientiert sich an ihr, es dreht sich alles um sie. Will der Spieler gut sein, wird er versuchen immer und überall gute und ehrenhafte Taten zu vollbringen. Das spannende ist eben dann, wenn diese guten Taten schlechte Konsequenzen haben. In diesem Spannungsfeld arbeitet F3. Entsprechend wichtig ist das Karma-System, dass viele Handlungen in Gut und Böse einteilt.

Das Karma-System gibt es auch in F:NV, aber es ist so gut wie egal. Wichtiger sind hier die Fraktionen und das große Ganze. Die große Frage lautet hier: „In welcher Gesellschaft und in welchem gesellschaftlichen System möchte ich leben?“ Es ist relativ schnell klar, worauf das Spiel hinauslaufen wird: Wer soll New Vegas beherrschen. F:NV fährt dabei zahlreiche Gruppierungen der verkorksten Fallout-Welt auf, die sich alle um den Hoover Dam streiten. Es ist die entscheidende Aufgabe des Spielers, sich eine dieser Gruppierungen auszusuchen und mitzumischen. Das sind auf der einen Seite Caesars Legion, eine Truppe, die Ordnung und Regeln verspricht, ihre Gesellschaft aber auf den Rücken von Sklaven aufbaut. Unterdrückung von Minderheiten ist klar eine der Hauptsäulen dieser Bande. Auf der anderen Seite steht die New California Republic, eine Vereinigung, die an das „alte“ Amerika erinnert und Werte, wie Freiheit und Zivilisation hochhält. Allerdings krankt sie an Bürokratie und einer zu großen Ausbreitung, um die Bewohner des Ödlandes wirklich zu schützen. Dann spielt noch Mr. House eine wichtige Rolle, er beherrscht New Vegas, gibt aber in seiner technokratischen Weltsicht einen feuchten Kerricht auf menschliches Leben. Außerdem kann der Spieler alles selbst in die Hand nehmen und etwas eigenes aufbauen.

Alle diese Fraktionen haben im Grunde ein ähnliches Ziel: Eine funktionierende Gesellschaft aufbauen, dabei treten sie aber unweigerlich ethische Werte mit Füßen. Wirklich gut ist hier niemand. Der Spieler wird sich für eine Seite entscheiden und damit bestimmte Werte verraten. Er kennt aber die Konsequenzen seiner Entscheidung nicht, sondern trifft diese aufgrund seiner eigenen Moral oder Logik.

Miguel Sicart arbeitet in seinem Buch Beyond Choices zwei Dingeheraus, die F:NV besonders machen.

  1. Nicht jede Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen, nicht jede Konsequenz tritt aber sofort ein. Der Spieler hat einfach keine Ahnung, wie sich sein Handeln auswirkt – und wann es sich auswirkt. Solche uninformierten Entscheidungen kennen wir auch schon aus anderen Spielen, etwa The Banner Saga.
  2. Alle Handlungen sind in die Geschichte rund um New Vegas eingebettet. Die Spielwelt ist aber nicht um das Handeln des Spielers herum aufgebaut (also anders als in F3). Vielmehr ist der Spieler ein Teil davon, fast schon wie ein gewöhnlicher NPC. F:NV gibt einem nie das Gefühl, die wichtigste Person des Spiels zu sein. Oder wie Miguel Sicart schreibt:

„Unlike many other computer games, Fallout: New Vegas does not necessarily make players feel as though they are part of the wheel of history. It allows them to be just a tiny element in a larger narrative on which they have some influence, but they are never totally aware of the results of their interventions.“

Ich persönlich mag Fallout: New Vegas mehr als Fallout 3, weil es ein bisschen verrückter ist, weil es etwas radikaler ist und weil es mich als Spieler nicht ganz so ernst nimmt.

In meiner Masterarbeit habe ich mich mit der Darstellung von Ethik und Moral in Computerspielen beschäftigt. Nicht jedes Computerspiel ist in der Lage, den Spieler zu einer ethischen Reflexion seines Handelns zu bringen. Einige schon. In dieser Reihe beschreibe und untersuche ich Spiele, die versuchen, Ethik und Moral ins Spiel integrieren.

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Ein Gedanke zu “Ethik und Moral in Computerspielen // Fallout: New Vegas

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