Ethik und Moral in Computerspielen // Tyranny

Screenshot aus Tyranny

Tyranny (Obsidian Entertainment, 2016)

Schon interessant nach was wir als Computerspieler streben: In einer Runde Civilization wollen wir mit allen möglichen Mitteln expandieren, erobern und auslöschen. In Action- oder Rollenspielen hingegen ist derjenige, der expanidert, erobert und auslöscht meist der Böse – wir bekämpfen ihn mit allen Mitteln, weil wir ja die Guten sind. So unterschiedlich sind unsere Ziele, je nachdem welches Spiel wir anwerfen. Tyranny geht einen anderen Weg und ist allein deswegen schon einen Blick wert.

In dem Rollenspiel ist der Spieler nämlich der Handlanger des (vermutlich) bösen und (vermutlich) gottgleichen Obertyrannen Kyrus. Der hat fast die ganze Welt erobert, es fehlt ihm noch ein kleiner Zipfel und der Spieler soll die Expansion mal ordentlich vorantreiben. Das ist schon ein fieser Einstieg, weil der Spieler gleich nach der Charaktererschaffung erstmal entscheiden muss, wie er diverse Städte niedermacht, Kontrahenten kaltstellt und mit Gefangenen umgeht.

Dabei stellt sich recht schnell heraus: Kyrus hat zwei große Armeen, die sich aber darüber in den Haaren liegen, wer jetzt das unterentwickelte Land in seine glorreiche Herrschaft führen darf: die Geschmähten und der Scharlachrote Orden. Die nehmen sich in Sachen Arschigkeit nicht viel, es ist aber ziemlich klar, dass man sich für eine Seite entscheiden muss. Also. Lieber die Elitetruppe unterstützen, die auch schonmal ein Dorf mit allen Einwohnern abfackelt, damit keiner den Rebellen helfen kann. Oder doch lieber den unkontrollierten Haufen, der alles und jeden in seine bluttriefenden Reihen aufnimmt und sich dann metzelnderweise selbst überlässt?

Das spannende an Tyranny ist also: Die Story und die Charaktere lenken das Spiel in eine Richtung, die für die Gewohntheiten von uns Spielern sehr ungewöhnlich sind. Der Spieler wird nämlich ziemlich sicher den bösen Obertyrannen unterstützen, aus einem einfachen Grund: Es ergibt Sinn, weil so die Geschichte stimmig ist und weil Tyranny das Spiel mit der Spielerrolle ernst nimmt. Das ist außergewöhnlich und eine spannende Erfahrung.

Ich habe Tyranny zweimal gespielt, einmal habe ich die Geschmähten unterstützt, einmal die Rebellen (denn das geht auch). Den Rebellen zu helfen, ergibt aus dem Spielfluss heraus erstmal sehr wenig Sinn. Man muss lauter Sachen machen, die vielleicht gut und ehrenwert gemeint, aber eben auch komplett bescheuert sind, wenn die eigentliche Aufgabe ist, die Rebellen wegzuhauen. Man muss sich also zwingen, seine eigenen Verbündeten zu verraten, zu töten und gegeneinander auszuspielen. Das Ganze muss man dann auch noch vor Freunden und Vorgesetzten irgendwie rechtfertigen, was sogar seltsamerweise gelingt. Viel flüssiger und natürlicher spielt sich hingegen die Erfahrung der Böse zu sein, sich auf die Seite einer der beiden Armeen zu stellen und das Land zu erobern.

Das steht im krassen Gegenzug zu dem, was wir als Spieler eigentlich gewohnt sind. Tyranny ist das erste Spiel (das ich kenne), bei dem sich böse Taten richtig (und meistens nicht abstoßend) angefühlt haben, weil sie eben zu meiner Rolle gepasst haben. Es ist richtig, den unterpriviligierten Tiermenschenstamm auszulöschen, weil er die Aktivitäten meiner Armee behindert. Es ist richtig, einen Teil des Landes komplett und nachhaltig zu zerstören, um der feindlichen Armee jeglichen Nachschub abzuschneiden. Es ist richtig, die fünf magischen Türme einzunehmen und Kyrus zur Verfügung zu stellen, damit endlich im ganzen Land Frieden herrscht.

Das kann moralisch durchaus herausfordernd sein, zumal das Spiel nicht damit geizt meine Handlungen in Frage zu stellen, egal wie ich mich entscheide. Das geschieht durch eine Art Moralsystem, das meine Reputation bei NPCs, Begleitern und Gruppierungen misst. Aber nicht jede Entscheidung hat unmittelbare Folgen und so wird mir manchmal erst Stunden später bewusst, was ich eigentlich getan habe. Schon bei meinem ersten Durchgang wollte ich die Rebellen unterstützen. Ich habe es nicht geschafft. Meine Handlungen, die mir sinnig und gut erschienen, machten eine Zusammenarbeit mit den Rebellen unmöglich.

Besonders spannend wird es deshalb, wenn man Tyranny ein zweites Mal durchspielt, sich ganz bewußt  anders entscheidet und die Reibungen die entstehen können aushält. Unterschiedliche Entscheidungen zeigen mitunter also eine ganz andere Spielerfahrung.

Vieles was Tyranny macht, um Moral und Ethik in das Spielerlebnis zu integrieren, gibt es auch in anderen Rollenspielen, etwa die spürbaren Konsequenzen, ein Moral bzw. Reputationssystem und eine Umgebung die Feedback gibt.  Was Tyranny unterscheidet und damit besonders macht ist der Fokus auf eine „böse“ Spieleerfahrung und das damit verbundene Spannungsverhältnis, zwischen Spieltraditionen, Erwartung, Geschichte und Rollenspiel. Genau in solchen Spannungen und Reibungen kann ethische Reflexion stattfinden und deshalb ist Tyranny ein ethisch interessantes Spiel.

In meiner Masterarbeit habe ich mich mit der Darstellung von Ethik und Moral in Computerspielen beschäftigt. Nicht jedes Computerspiel ist in der Lage, den Spieler zu einer ethischen Reflexion seines Handelns zu bringen. Einige schon. In dieser Reihe beschreibe und untersuche ich Spiele, die versuchen, Ethik und Moral ins Spiel integrieren.

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