Gedanken (und Links) zur historischen Korrektheit von Computerspielen

Diese Woche lief auf Bayern2 in der Kultursendung ein kurzes Interview über Anno 1800 und historische Korrektheit in Computerspielen. Es freut mich immer, wenn über Computerspiele in den Medien ernsthaft gesprochen und diskutiert wird. Deswegen hier erstmal der Link zum Interview von Knut Cordsen mit Felix Zimmermann.

Sowieso ist das ein spannendes Thema: Wie sehr müssen, sollen, dürfen und können Computerspiele, die ein historisch glaubhaftes Szenario abbilden wollen, auf historische Korrektheit achten. Dürfen sie schwierige Themen ausklammern? Müssen sie sich streng an die geschichtlichen Begebenheiten halten? Was fördert die Authentizität und was schadet dem Spielspaß?

Ich habe Anno 1800 nicht gespielt. Laut Felix Zimmermann wird darin aber weder Kolonialsmus noch Sklaverei ausdrücklich thematisiert – obwohl diese Themenkomplexe ein wichtiger Bestandteil der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts sind. Vielleicht aber trifft es das Wort „problematisiert“ besser, denn wenn ich als Spieler unbekannte Inseln besetzte, dann kolonialisiere ich sie ja, damit ist das Ausbeuten von Ländern und Ressourcen ja ein integraler Bestandteil des Spiels. Das führt aber in Anno 1800 wohl erstmal nicht zu Problemen gesellschaftlicher Art. Das wird dem Spiel (zurecht?) angekreidet. Nun hat Anno 1800, nach allem was ich gelesen und gehört habe, aber durchaus komplexe und zwiespältige Themen parat, etwa die Möglichkeit die Zeitungsberichterstattung zu manipulieren oder Arbeiter auszubeuten.

Ich finde, Felix Zimmerman hat Recht, wenn er sagt: Ein Spiel darf sich aus einem Pool an historischen Themen bedienen und darf Themen auch weglassen, die dem Spiel(spaß) vielleicht schaden würden. Warum das ausgerechnet die Sklaverei und der Kolonialismus sind, aber Manipulation und Ausbeutung nicht, kann ich jetzt schwer abschätzen. Aus ethischer Sicht sind solche Themenkomplexe natürlich hochinteressant und es wäre wünschenswert, wenn noch mehr Spiele diese behandeln würden – gerade wenn sie den Anspruch haben historisch korrekt oder authentisch zu sein. Ich würde mich freuen, wenn Spieleentwickler sich trauen würden, noch öfter ambivalente Themen in Spiele einzubauen. Gerade in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielen wie Anno würde ein solches ethisches Spannungsfeld, das man eventuell nicht erwartet, ein großes Potential moralischer Reflexion aufbauen. Ich bin wirklich sehr gespannt, was in dieser Richtung noch passiert.

Zu den Themen historische Korrektheit, Authentizität und Wirtschaftssimulationen noch ein paar weiterführende Links:

  • Vom rechten Bild des Mittelalters: Das Spiel Kingdom Come: Deliverence hat große Wellen geschlagen, vor allem weil es für sich einen hohen Grad an historischer Korrektheit beanspruchte. Der Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele hat unter diesem Link sehr lesenswerte Kurzstatements seiner Mitglieder zum Spiel gesammelt.
  • Die GameStar hat sich mit Kingdom Come: Deliverence ebenfalls ausführlich beschäftigt und hat hier alle Links und Beiträge zum Thema zusammengefasst.
  • Im RocketBeans-Forum gibt es ein Thread zum Thema. Dort hat ein User ein paar Artikel gesammelt. Die Diskussion darunter kann man sich hingegen sparen 😀
  • Und zum Thema Wirtschaftssimulation und Kapitalismus in Spielen emfpehle ich noch den Podcast von Stay Forever zu Die Siedler – eine großartige Analyse dieses zutiefst kapitalisitschen Spieles.

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