Ethik und Moral in Computerspielen // Orwell

Screenshot aus Orwell.
Orwell (Osmotic, 2016)

„Ich habe nichts zu verbergen! Sollen die doch meine E-Mail lesen, ist mir Wurst!“ Wer so über Überwachung durch Polizei, NSA oder Verfassungsschutz denkt, sollte sich dringend mal das Spiel „Orwell“ ansehen. Denn dort wird ziemlich eindrücklich gezeigt, was eine konzentrierte Überwachung für einzelne Menschen bedeuten kann.

In „Orwell“ bin ich kein Betroffener, nein ich bin ich selber Teil einer Überwachungsmaschine. Ich lese die E-Mails fremder Leute, verfolge Chats, durchforste PCs und höre ihre Telefonate ab. Ein spannendes Setting, dass mich per Spielidee schon in eine moralisch zweifelhafte Lage bringt.

Aber von vorne: Die „Nation“ ist ein westlicher Staat. Den Menschen dort scheint es einigermaßen gut zu gehen, es ist aber recht eindeutig, dass sie autoritär regiert werden. Die regierende Partei heißt einfach „The Party“, eine richtige Opposition scheint es nicht zu geben, die meisten Menschen scheinen zufrieden zu sein. Die Partei ist allerdings mittendrin einen Überwachungsstaat aufzubauen. Die sogenannte „Safety Bill“, erlaubt es der Regierung, schon bei einem leisen Verdacht umfangreiche Überwachungen einzelner Personen durchzuführen.

Herz dieser Überwachung ist das „Orwell“-Programm. Hier sitzt ein Ermittler oder eine Ermittlerin (das bin ich) am PC und durchforstet das Internet, die private Kommunikation, Bankauszüge und Rechner von „verdächtigen“ Personen. Die sehr privaten und intimen Infos, die ich zusammensammle, gebe ich an den leitenden Beamten weiter. Nur das, was ich weitergebe, kann dieser für die weiteren Ermittlungen und Aktionen verwenden. So kann ich also auch Infos zurückhalten!

„Orwell“ ist im Grunde ein Detektiv-Spiel. Ich sammle Indizien, versuche daraus Schlüsse zu ziehen, um den Täter zu finden. Den Täter? Ja, es gibt ein Verbrechen zu Beginn des Spiels: mehrere Bomben exlodieren und eine Oppositionsgruppe namens „The Thought“ tritt auf den Plan. Deren Mitglieder werden im Laufe des Spiels nach und nach meine Zielpersonen.

In „Orwell“ lege ich also Dossiers über diese Zielpersonen an. Ich sammle Fotos, Hobbies, Lebensläufe, Bankkonten, User-IDs, verdächtige und unverdächtige Aussagen und so weiter. Das System verleitet einen dazu, einfach jeden Infoschnipsel in das Dossier einzutragen, aber nicht jede Info ist relevant, manche sind sogar widersprüchlich – oder irreführend. Dort, wo „Orwell“ mir diese Widersprüche zeigt, wird es richtig spannend. Denn es liegt an mir, die Wahrheit herauszufinden oder sogar absichtlich zu vertuschen.

Mir persönlich ist ein Überwachungsstaat mehr als suspekt, meine Sympathien liegen also in diesem Spiel deutlich bei der Opposition. Doch will ich wirklich eine Truppe decken, die ziemlich offensichtlich Bombenanschläge verübt? Es sind genau diese grauen Schattierungen, die das Handeln in „Orwell“ schwierig machen – und ethisch interessant.

Das Spiel ist relativ kurz. Nach vier bis fünf Stunden erlebt man eines der vier Enden. Trotz dieser Kürze konfrontiert mich „Orwell“ mit einem sehr glaubhaften Szenario, setzt mich in eine unbequeme Position und lässt mich immer wieder über Schicksale entscheiden – je nachdem welche Infos ich weitergebe. Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich einfach alle Infos weitergegeben habe, ohne mir im klaren darüber zu sein, was das nun für die einzelnen Personen bedeutet.

Mit der Zeit wurde ich echt vorsichtiger und argwöhnischer. Denn es war an einigen Stellen schon ein kleiner Schock, wenn ich brutal mit den Konsequenzen meiner Handlung konfrontiert wurde. Ich kann an mir beobachten, wie die moralischen Konflikte, in die das Spiel mich treibt, an mir nagen, wie das ohnehin schon unbequeme Setting immer unbequemer wird, bis ich es kaum aushalte, Teil dieser Überwachungsmaschinerie zu sein. Auf der anderen Seite ist „The Thought“ ebenso keine unterstützenswerte Organisation. Das treibt mich in eine moralische Zwickmühle. Immer wieder muss ich innehalten und mir Gedanken machen, was eine Info für Auswirkungen haben könnte, ob ich mit diesen Auswirkungen weitermachen möchte.

Nach dem Abschluss ist man erstmal etwas platt. Die vielen Wendungen und neuen Entwicklungen gerade in den letzten 30 Minuten, lassen einen fast schon atemlos zurück. Wer jetzt immer noch sagt „Na, mir doch egal, wenn man meine WhatsApp-Nachrichten liest“, ist irgendwie schief gewickelt.

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