Kleinod // Her Story

Screenshot aus Her Story

Her Story (Sam Barlow, 2014)

Ich mag Krimis. Ich mag vor allem das Gefühl, wenn ich langsam beginne den Fall zu verstehen, wenn ich selbstständig eine Idee entwickele, was passiert sein könnte aber ich mir nicht hunterprozentig sicher bin, wenn dann ein leichtes Unwohlsein den Rücken heraufkriecht, weil alles irgendwie doch ein bisschen seltsam ist.  Und deswegen mag ich Her Story ganz besonders. Denn hier liegt es wirklich an mir, mich durch einen Fall zu wühlen, um dessen Hintergründe zu verstehen.

Am Anfang flimmert ein alter Röhrenbildschirm vor mir, Readme-Dateien auf dem Desktop erklären die Spielmechanik. Mir steht für einen alten Fall die Videodatenbank der Polizei zu Verfügung. Diese Tat, diesen Mord, versuche ich zu verstehen und klicke mich deshalb durch etliche Videosequenzen. Sie zeigen allesamt Ausschnitte von Befragungen einer jungen Frau. Nach und nach verstehe ich so mehr, kann tiefer graben und nach wichtigen Begriffen suchen, bis ich irgendwann alle Erklärungen gefunden habe. Das knifflige daran: Das Suchergebnis zeigt mir immer nur fünf Videos, auch wenn es mehr gibt. Ich muss also Suchbegriffe miteinander kombinieren, um das Ergebnis einzugrenzen. Und: Die Fragen sind nicht aufgezeichnet, nur die Antworten der Frau.

Her Story beschäftigt mich kaum länger als einen Abend. Gut unterhalten werde ich an dem aber allemal. Endlich mal wieder ein Spiel, wo ich dringend Papier und Bleistift brauche, um mitzukommen. So sitze ich vor dem Bildschirm, mache mir Notizen, streiche Wörter durch, umkringel wichtige Begriffe und grüble, was wohl passiert sein könnte. Es ist ein absolut befriedigendes Gefühl, wenn sich Erklärungen ergeben, ich einen guten Hinweis erhalte oder nach langer Suche wieder ein ungesehenes Video auftaucht. Nur das Ende plätschert dann leider ein bisschen aus. Bis dahin ist Her Story aber ein äußerst spannendes, stimmiges und vor allem außergewöhnliches Spiel.

In dieser Reihe stelle ich kleine Spieleschätze vor, die meist kurzweilig, eher unbekannt und doch äußerst empfehlenswert sind. Manche erzählen feine Geschichten, andere bereichen ein Genre durch spezielle Spielmechanismen und wieder andere bieten einfach nur gute Unterhaltung für Menschen mit wenig Zeit, Wem noch ein Spiel einfällt, über das ich an dieser Stelle schreiben sollte, schickt mir gerne eine Mail oder kommentiert hier unten.

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Kleinod // BattleBlock Theater

Screenshot von BattleBlock Theater (Quelle: http://www.battleblocktheater.com/game/)

BattleBlock Theater (The Behemot, 2013)

Meine Güte, was haben wir gelacht! Ich kann mich wirklich nicht erinnern, mich so bei einem Spiel amüsiert zu haben. BattleBlock Theater hat mir vor Lachen die Tränen in die Augen getrieben.  Schaut euch einfach nur mal den Steam-Annoucement-Trailer!

Na? Hab ich zu viel versprochen? Schon allein der Erzähler! Und das Artwork! Und die Musik! Und die pure Freude, wenn du deinen Kumpel in Säure schubst! Ok… So viele Ausrufezeichen hatte ich bisher noch in keinem Text, ich nehm mich mal ein bisschen zusammen.

Also, BattleBlock Theater ist ein hübscher Plattformer, den man am besten zu zweit spielt. Die Geschichte drumherum ist ziemlich wirr aber super erzählt. Es geht grob um Schiffbruch, eine mysteriöse Insel, einen Hut, den besten aller Freunde, ein brutales Theater – und Katzen. Mehr will ich auch nicht spoilern, denn die Story steckt voller Irrungen und Wirrungen, plötzlichen Plottwists und einem sagenhaften Finale. So ähnlich zumindest.

Jedenfalls hüpft und rennt man mit seinem Kumpel durch kurze absurde Levels, muss Edelsteine aufsammeln und den Ausgang finden. Dabei hängt allerlei Kroppzeug rum, das einen an den Kragen will: Roboter zum Beispiel, Wolpertinger, Toastbrote – und natürlich Katzen (mit Sonnenbrillen). Das schöne ist: Ohne Teamwork klappt gar nix. Also muss man hübsch zusammenarbeiten, sich durch die Luft werfen, gegenseitig hochziehen, aufeinander springen oder die richtigen Schalter zur richtigen Zeit drücken. Große Freude kommt auf, wenn einer eine knifflige Stelle kurz vor Ablauf der Zeit versemmelt. Freilich kann man auch den Kollegen ins offene Messer rennen lassen oder seinen etrinkenden Körper als Zwischenstopp nutzen, um an die nächste Plattform zu gelangen. Eh klar.

Mit einem gut eingespielten Team sind die Levels in sieben, acht Stunden durchgerockt. Wer dann noch nicht genug hat, kann sich neue Levels runterladen oder selber basteln und so seine Freunde zur Weißglut treiben.  Großartig sind aber vor allem Erzähler Will Stamper und die hyperaktiven Zwischensequenzen. Meine Güte, was haben wir gelacht…

In dieser Reihe stelle ich kleine Spieleschätze vor, die meist kurzweilig, oft eher unbekannt und doch äußerst empfehlenswert sind. Manche erzählen feine Geschichten, andere bereichen ein Genre durch spezielle Spielmechanismen und wieder andere bieten einfach nur gute Unterhaltung für Menschen mit wenig Zeit, Wem noch ein Spiel einfällt, über das ich an dieser Stelle schreiben sollte, schickt mir gerne eine Mail oder kommentiert hier unten.

Kleinod // Dex

Screenshot von der Entwicklerhomepage.

Dex (Dreadlocks, 2015)

Als William Gibson in den 80er Jahren seine Neuromancer-Trilogie schrieb, prägte er nicht nur Begriffe wie Cyberspace, sondern auch ein neues Genre: Cyberpunk. Ein dreckiger Bastard aus Utopie, Science-Fiction, Western und manchmal auch Fantasy. Spiele wie Deus Ex oder Shadowrun sind in einer langen Reihe von ihm und seinen Büchern beeinflusst. Dex von den tschechischen Entwicklern Dreadlocks darf man da dazuzählen. Das 2D-Rollenspiel erzählt eine düstere Cyberpunk-Geschichte rund um mächtige KIs, sympathische Hacker, skrupellose Megafirmen, jede Menge Klone, ungewöhnliche alte Menschen und gefährliche Runs. Dabei bedient sich die Story sehr oft und teilweise ziemlich offensichtlich an Gibsons erstem Buch.

Die blauhaarige Dex wird zu Beginn des Spiels gejagt. Warum? Keine Ahnung. Eine mysteriöse Stimme treibt sie an, lotst sie wie Morpheus aus Matrix durch die Spielwelt und zeigt ihr, dass sie diese beeinflussen kann. Dex hat nämlich die Fähigkeit sich ohne Kabel oder Stecker in den Cyberspace reinzuhacken. So kann sie Kameras ausschalten, Selbstschussanlagen auf ihre Seite ziehen und Gegner lähmen. Ziemlich praktisch – für Dex und ihre Freunde aber recht creepy. Im Laufe des Spiels kommt Dex einer Verschwörung auf die Schliche und muss die Machenschaften einer skrupellosen Firma aufdecken.

Dex ist ein Sidescroller mit Schleich-, Hack-, Geschicklichkeits und Kampfsequenzen, die sich munter abwechseln. Gegner kann Dex heimlich von hinten ausschalten oder in den Nah- bzw. Fernkampf einsteigen. Steigt der Spieler eine Stufe auf, kann er Dex‘ Fähigkeiten verbessern, dann kann sie schneller Kameras knacken, sich besser in fremde PC einschleusen oder kräftiger zuschlagen. Zusätzlich dazu kann sie sich bei einem zwielichtigem Doktor mit technischen Augmentierungen verbessern: stärkere Sprungelenke für höhere Sprünge, spezielle Lungen für giftige Dämpfe oder ruhigere Hände für weniger Rückstoß.

Mit den richtigen Fähigkeiten kann Dex in Gesprächen diplomatische also friedliche Lösungen suchen – klappt aber nicht immer. Außerdem lohnt es sich die Levels gut abzusuchen und Infos zu sammeln. Dann kann Dex andere Figuren unter Druck setzen oder erhält neue Gesprächsoptionen. So hüpft und schleicht man sich mit Dex durch Hafenanlagen, eine schicke Yacht, Bordelle, Hochhausanlagen und natürlich geheime Forschungsanlagen, schließlich gilt es eine Verschwörung aufzudecken.

Das alles ist hübsch gezeichnet, düster und dreckig inszeniert und meist spannend erzählt. Die Welt von Dex steckt voller interessanter Details, lukrativen Nebenaufträgen und coolen Charakteren. Was soll ich sagen? Ich liebe den kurzweiligen Cyberpunk von Dex einfach. Das Spiel dauert kaum mehr als zehn Stunden. Die sind aber prall gefüllt. Leerlauf gibts selten, aber immer was zu tun. Auch wer nur kurz Zeit zum Zocken hat, kann in 20 Minuten locker ein Level abschließen oder eine Nebenquest erfüllen. Da will ein Dönerladenbesitzer teure Gewürze von einem Großkonzern stehlen, eine augmentierungshassende Straßenbande soll ausgeräuchert werden und eine Wissenschaftlerin will die Firma wechseln – habe ich schon erwähnt, dass Dex an Gibson erinnert?

In dieser Reihe stelle ich kleine Spieleschätze vor, die meist kurzweilig, oft eher unbekannt und doch äußerst empfehlenswert sind. Manche erzählen feine Geschichten, andere bereichen ein Genre durch spezielle Spielmechanismen und wieder andere bieten einfach nur gute Unterhaltung für Menschen mit wenig Zeit, Wem noch ein Spiel einfällt, über das ich an dieser Stelle schreiben sollte, schickt mir gerne eine Mail oder kommentiert hier unten.

Kleinod // 80 Days

Screenshot aus 80 Days.

80 Days (inkle studios, 2014)

Die meisten von uns kennen die Geschichte „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne. Auch wenn mans nicht gelesen hat (so wie ich), ist doch ziemlich klar worum es geht: Der englische Gentlemen Phileas Fogg wettet, dass er es schafft in 80 Tagen einmal um die Welt zu reisen. Zusammen mit seinem Diener Passepartout startet er von London aus, um einmal quer durch die Weltgeschichte zu fahren/fliegen/segeln. Im Buch kommt er dabei unter anderem in die Städte Suez, Bombay, Yokohama, San Francisco und New York. Aber… wäre eine andere Route nicht viel geschickter gewesen?

Diese Frage ist die Grundidee hinter 80 Days. Als Passepartout ist der Spieler für die Reiseplanung zuständig. Ausgehend von der ersten festgelegten Station Paris muss er anhand von Nachforschungen mögliche Reiserouten herausfinden, dabei immer auf das Geld achten und seinen Herrn bei Laune und guter Gesundheit halten. So geht es zum Beispiel von Paris aus in den Osten, mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok. Oder ist der Weg über Afrika und Australien doch geschickter? Die Abfahrtszeiten sind dabei nur ein Problem, auch das Geld hält nicht ewig, weswegen der Spieler geschickte Tauschgeschäfte tätigen muss.

Und dann sind da natürlich jede Menge unerwartete Ereignisse: Schiffbruch, Mordverdacht, Bürgerkrieg, Revolution, Stürme, Kälte, Hitze und Krankheit. Diese Ereignisse erlebt der Spieler durch wunderschön geschriebene (englische) Texte. Autorin Meg Jayanth hat Jules Vernes Geschichte um eine ausgefeilte Steampunk-Ästhetik erweitert und so eine Welt geschaffen, die voller Leben steckt – wenn auch nur im geschriebenem Wort. „Die Welt von 80 Days dreht sich – aber sie dreht sich nicht um dich“, wird die Autorin im WASD-Magazin Nummer 9 zitiert.

Wenn er auch nicht die Welt verändern kann, so hat der Spieler doch die Möglichkeit die Geschichte zu beeinflussen, er wählt zum Beispiel in Dialogen seine Antworten aus oder bestimmt wohin Passepartout gehen, wohin er seinen Blick richten soll. Er hat aber nie die Möglichkeit zurückzukehren und seine Wahl zu überdenken – die Geschichte ist eben schon geschrieben. Das ergibt absurde Situationen, knifflige Gespräche, spannende Kriminalfälle: ein Boxkampf, eine Meuterei und einen Opium-Trip – oder auch nicht, denn manches erfährt der Spieler nur am Rande, wenn er sich für einen anderen Weg entscheidet. So wird jeder Spieler seine Reise anders erleben, je nachdem wohin er seine Helden schickt, welche Personen er anspricht, welche Routen er entdeckt.

Die Reise dauert vor dem Bildschirm nicht länger als vier bis fünf Stunden – je nachdem wie intensiv man sich mit den Texten und der Welt auseinandersetzt. Aber dann hat man vielleicht erst 20 oder 30 von insgesamt 150 Städten besucht. Die Welt hat doch noch so viel mehr zu bieten! 80 Days hat einen enorm hohen Wiederspielwert. Es macht Spaß neue Routen auszuprobieren, die liebevoll geschriebenen Charaktere kennenzulernen und andere Facetten der Geschichte zu erleben. Das nächste Mal, will ich unbedingt in Südamerika vorbeischauen – oder in der Arktis!

In dieser Reihe stelle ich kleine Spieleschätze vor, die meist kurzweilig, oft eher unbekannt und doch äußerst empfehlenswert sind. Manche erzählen verdammt feine Geschichten, andere bereichen ein Genre durch spezielle Spielmechanismen und wieder andere bieten einfach nur gute Unterhaltung für Menschen mit wenig Zeit, Wem noch ein Spiel einfällt, über das ich an dieser Stelle schreiben sollte, schickt mir gerne eine Mail oder kommentiert hier unten.